Biografische 
Notizen. 
Von Franz Beer

1929

Am 21. Februar in Wien als Sohn der Angela Beer und des Attila ... von Moldovanyi geboren, die ihre Verlobung im Spätsommer 1928 gelöst hatten. In der frühen Kindheit eingebettet in die mütterliche Familie. Meine wichtigste Bezugsperson war mein Großvater Franz Beer, Gärtnermeister. Das Geschäft der Großeltern für Kolonialwaren, Obst und Gemüse in Wien-Baumgarten bildete mein unmittelbares Lebensumfeld.

 

1934

Heirat der Mutter mit dem Schriftsetzer Alois Schleissner aus Neufeld/Leitha, der einer Bleiallergie wegen seinen Beruf aufgegeben hatte und in den Polizei-Dienst eingetreten war. Umzug nach Neufeld/Leitha, ins Burgenland.

 

1935

Adoption durch den Stiefvater, dessen Namen ich seither offiziell trage, während der Schulzeit allein, seit Beginn des Studiums in Verbindung mit meinem Geburtsnamen.

 

1935–43

Volks- und Hauptschule in Neufeld/Leitha; Förderung meines Talents zum Zeichnen durch meinen Lehrer Franz Erntl (1902–1990); bis heute während Freundschaft mit meinem einstigen Klassenkameraden Fred Sinowatz.

 

1941

Versetzung des Stiefvaters nach Krems/Donau, der von dort später (1943) in die Ukraine abkommandiert wird.

 

1943–44

Handelsschule in Wiener Neustadt.

 

1944

Im Herbst Beginn des Studiums an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Vorbereitungsklasse Prof. Arch. Friedrich Böhm (1891–nach 1959);

während dieser Zeit in 6-Wochen-Intervallen Einsatz als FLAK-Helfer auf dem Flugplatz Wiener Neustadt (kaserniert).

 

1945

Endgültige Übersiedlung der Familie nach Krems/Donau. Nach dem Bombardement im April Flucht mit der Mutter und deren Baby, meiner im Juni 1944 geborenen Schwester Helga, vor den vorrückenden russischen Truppen nach Perg/OÖ zu den Großeltern und der Familie der Tante, Schwester der Mutter.

Dort Erlebnis des Einmarsches der Amerikaner, der Befreiung des benachbarten KZ Mauthausen und des Kriegsendes. Fortsetzung des Studiums an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien; Malerei und Restaurierung bei Prof. Wilhelm Müller-Hofmann (1885–1948); Schrift bei Prof. Hertha Larisch-Ramsauer (1897–1972); „Menschliche Gestalt" bei Anton (Ritter von) Kenner (1871–1951).

Wohnung zunächst in Wien-Josefstadt, dann in Wieden.

 

1946

Als Student Mitarbeit an der am 14. September eröffneten antifaschistischen Ausstellung „Niemals vergessen! Niemals vergessen!", die mich zur Erkenntnis nationalsozialistischer Verbrechen an der Menschheit und der Lüge unserer Väter führt, ihrer Zustimmung zum oder Akzeptanz des nationalsozialistischen Systems und dessen Kulturdoktrin. Egon Schieles Bilder neben Fotos von KZ-Opfern beweisen menschenunwürdiges Verhalten gegenüber dem Nächsten und die Unterdrückung freien Geistes. Ich erkenne die menschliche Fähigkeit zur bestialischen Handlung. Diese Erkenntnis führt endlich zu meiner völligen Ablehnung der Darstellung des Menschen in Zeichnung und Bild.

 

1947

Mitglied der KPÖ. Meisterklasse für Gebrauchs-, Illustrations- und Modegraphik von Prof. Paul Kirnig (1891–1955) an der Hochschule für angewandte Kunst;

parallel dazu (1947–1949) sporadischer Besuch der Akademie der bildenden Künste unter Prof. Albert Paris Gütersloh (1887–1973) und Abendakt bei Prof. Herbert Boeckl (1894–1966).

 

Zeichnen: Faszination der Elemente – 

Schotterhaufen von großem Donaukies;

zu Kegeln aufgeschüttete Kieselsteine,

Elemente formen Volumen.

Zeichnen in Steinbrüchen – Formen der gebrochenen Einheit.

Der aufgebrochene Berg – Vergleich mit Bombentrümmern.

 

1948

Arbeit als Graphiker bei der russischen Militärverwaltung.

 

1949

Übersiedlung von Wien nach Altenburg/NÖ ins Haus von Konrad Lorenz (1903–1989), des Vaters meines Studienkollegen und engsten Freundes Thomas Lorenz (1928–1982).

 

1950

Diplom an der Hochschule für angewandte Kunst (Gebrauchsgraphik),

danach wieder wohnhaft in Wien-Josefstadt. Mir wichtige Begegnungen, Freundschaften oder Bekanntschaften während der Zeit des Studiums: Barbara Pflaum (1912–2002), Susanne Wenger (geb. 1915), Friedensreich Hundertwasser (1928–2000), Alfred Hrdlicka (geb. 1928), Anton Lehmden (geb. 1929), Josef Mikl (geb. 1929) und Fritz Riedl (geb. 1923); Friedrich Gulda (1930–2000) spielt Jazz im „Strohkoffer". Austritt aus der KPÖ.

 

1951

Nach einem mißlungenen Versuch der Entführung durch die russische Geheimpolizei verlasse ich Wien. Flucht nach Salzburg, dort kurzzeitig Arbeit für die Amerikaner, im Herbst Übersiedlung zu Familie Konrad Lorenz in das Institut für Verhaltensforschung in Buldern/Westfalen; Interessante Begegnungen mit Vertretern unterschiedlichster Disziplinen, wie z.B. Erich von Holst, Horst Mittelstaedt, Irenäus Eibl-Eibesfeldt; für mich am wichtigsten: der Maler Alwin von Cranach (1900–1986), der mir ein lebenslanger, väterlicher Freund wird. Überzeugt von meinem Talent, fördert er von mir kompromißloses Engagement und konsequentes künstlerisches Arbeiten.

 

Auf seinen Rat

1952

erste Reise nach Paris (im April); ein längerer Aufenthalt dort ist aus finanziellen Gründen jedoch nicht möglich. Alwin von Cranach bietet mir in Schruns/Vorarlberg eine Bleibe in seinem dortigen Refugium und damit die Möglichkeit zur Arbeit. Kontakt zur Familie Hugo (Graf von) Schönborns, der zusammen mit Graf Keyserling ein Mäzenatentum mit Künstlerkolonie in Positano aufbauen will. Kontakt zu Julius Bissier (1893–1965), dessen Arbeiten mich stark beeindrucken und unter dessen Anleitung ich eine Weile arbeiten möchte. Da ich über keine finanziellen Mittel verfüge, die den Aufenthalt in Hagenau am Bodensee ermöglichen, scheitert das Unterfangen.

 

Ende 1952 bis Anfang 

1953

einige Monate in Wien. Nach einem kurzen zweiten Aufenthalt in Paris gehe ich im Mai mit kurzen Unterbrechungen in Freiburg im Breisgau (wo Thomas Lorenz zu dieser Zeit Physik und Philosophie studiert), Basel, Zürich und Lausanne zu Fuß nach Italien. In Locarno am Lago Maggiore lerne ich Gisèle Real von der Galleria Citadella kennen. Sie erwirbt eine Reihe meiner Arbeiten, und eine jahrelange, erfolgreiche Zusammenarbeit beginnt. In meiner ersten Einzelausstellung zeigt Fiamma Vigo meine Arbeiten in ihrer Galleria Numero in Florenz. Als Künstlernamen führe ich nur noch meinen Geburtsnamen.

 

In Etappen und mit kurzen Zwischenaufenthalten – z.B. in einem Kloster bei Mailand oder in einer Jugendherberge in Florenz – erreiche ich im Juli Positano.

Guy Harloff (geb. 1933) nimmt mich mit meinen wund gelaufenen und eitrigen Füßen bei sich auf.

 

Zusammen mit der amerikanischen Malerin Judith Feder und ihrem Mann, dem Schriftsteller Irwin Feder beginnen wir, Schmuck aus Fundstücken vom Strand herzustellen. Guy Harloff, der später selbst Maler wird, verkauft die entstandenen Stücke in Capri mit gutem Erfolg, so daß ich von dem Erlös bescheiden leben kann.

 

Aus der Begegnung mit den Malern Philip Martin (geb. 1927) und Helen Marshall (1918–1996) entwickelt sich eine Freundschaft. Im Oktober ziehen wir gemeinsam für den Winter nach Forio d'Ischia.

Dort folgt eine intensive Arbeitsphase bis März 1954.

 

1954

Zusammenarbeit mit der Galerie Schneider in Rom.

Gisèle Real organisiert die erste Einzelausstellung meiner Arbeiten in ihrer Galerie. Die Arbeiten haben stark gestischen Charakter; ich suche nach Formzusammenhängen, deren Erscheinung möglichst unbelastet durch Tradition ist. Ebenso verwende ich die Technik der Collage, d.h. das Einbinden von vorhandenem Material, dessen Form durch Ausdruck die Negation ihres Wertes zum Ausdruck bringen soll.

 

Ab April wieder in Paris. Arbeit und zeitweilige Unterkunft in der „Librairie Mistral"; später „Shakespeare & Companie" von George Whitman (geb. 1913).

Dort Begegnungen mit den Schriftstellern Henry Miller (1891–1980), Lawrence Durrell (1912–1990), Richard Wright (1908–1960), Roger Mais (1905–1955), Gershon Legman (1917–1999), Gregory Corso (1930–2001), der damals sein Gedicht „The Bomb" im Bookshop erstmals veröffentlicht; Freundschaft mit John Hearne (1926–1994), Edward („Ted") Cumming (1933–1960) und seiner Frau Patricia (geb. 1932), die einen ersten Text zu meinen Arbeiten schreibt und mit der ich bis heute freundschaftlich verbunden bin. Kontakte auch zu den Künstlern Alberto Giacometti (1901–1966), Jean Dubuffet (1901–1985), César (eig. C. Baldaccini; 1921–1998), Antonio Saura (1930–1998), Antoni Tapies (geb. 1923), Karel Appel (1921–1972), Bram Bogart (geb. 1921), Horia Damian (geb. 1922), Kumi Sugai (1919–1996) sowie zu dem Graveur Roger Platiel (1934–1978) und seiner Frau, der Ethnologin Suzanne Benguigui-Platiel, mit denen mich eine dauerhafte Freundschaft verbindet.

 

1955

Ab Mai Aufenthalt in Valras-Plage in Südfrankreich.

Angeblich ungeklärter finanzieller Absicherung wegen im September Inhaftierung in Paris und Ausweisung aus Frankreich. Finde wieder Refugium im Hause Konrad Lorenz in Altenberg/NÖ. Im November dort Heirat mit Klara (Claire) Braubach aus Köln.

 

1956

Geburt meines Sohnes Claude am 9. Januar in Wien.

Kontakt und Zusammenarbeit mit Carlo und Renato Cardazzo in Venedig und Mailand. Das erste in Mailand verkaufte Bild wird von Enrico Baj (1924–2003), Künstler und Mitbegründer der Gruppe „Movimento Nucleare", erworben.

Cardazzo stellt meine Arbeiten in der Galleria del Cavallino in Venedig aus, daraufhin Übersiedlung nach Venedig.

 

1957

Ausstellungen in Cardazzos Galerien, der Galleria Naviglio in Mailand und der Galleria Selecta in Rom. Begegnungen und/oder Freundschaften

in Mailand mit den Brüdern Arnaldo (geb. 1926) und Giò Pomodoro (1930–2002), Lucio Fontana (1899–1968), Emilio Scanavino (1922–1986), Ettore Sottsass jun. (geb. 1917), Roberto Crippa (1921–1972), Gianni Dova (1925–1991) sowie mit der bis heute nahe stehenden Schriftstellerin Milena Milani (geb. 1917),

in Venedig mit Edmondo Bacci (1913–1978), Gino Morandis (1915–1994), Emilio Vedova (geb. 1919), Luigi Nono (1924–1990), Tancredi (eig. Tancredi Parmeggiani; 1927–1964), Mimmo Rotella (geb. 1918) und Robert S. Neuman (geb. 1926), mit dem ich bis heute befreundet bin. Außerdem mit den Kritikern Giampiero Giani und Toni Toniato.

 

In meiner Arbeit verlasse ich die gestische Artikulation und vertiefe die Technik der Collage. Gesammeltes und gefundenes Material wird zu kleinen Elementen zerrissen, dicht aneinandergefügt, übereinander gelagert und wieder aneinandergefügt, so daß die Bildfläche reliefartige Charaktere annimmt. Fundsachen wie Treibholz, Kork, Stoffteile, Schnüre aber auch Sand, Kaffeesud und Polenta, mit Acryl bzw. Vinyl zu pastoser Masse gemischt, finden Verwendung. In der Folge besetzen immer mehr die gemischten Pasten die Bildfläche. Mit den Abfällen werden nun auch Kreide und Erdfarben gemischt, wie Ocker, Terra di Siena, Umbra, Zinkweiß und das Schwarz des Rußes oder verkohlter Reben. Sie werden in Schichten aufgetragen und danach mit dem Spachtel eingekratzt. Die übereinanderliegende Schichten werden so im Schnitt sichtbar. Nicht die Illusion von Relief möchte ich durch Malen vermitteln, sondern der Farbkörper selbst soll das Relief bilden. Die Bearbeitung des Farbmaterials durch Einkratzen von Zeichen, die einer Erneuerung gültiger Symbole dienen soll, mißlingt immer wieder.

 

Die Anhäufung von Verletzungen der pastösen Oberflächen resultiert in strukturbesetzten Flächen mit reliefhafter Erscheinung. Licht und Schatten werden mitbestimmende Elemente und Faktoren der neuen Farbimpastos.

Abbruch der Zusammenarbeit mit den Brüdern Cardazzo und (September 1957) Umzug an den Lago Maggiore nach Ronco/Ascona.

Begegnung und Freundschaft mit dem Bildhauer Raffael Benazzi (geb. 1933) und mit Gilbert Huguenin, der meine Arbeiten in seiner Galerie Numaga in La-Chaux-de-Fonds zeigt. Er wird mit seiner Galerie zum wichtigsten Partner und Vertreter meiner Arbeiten bis heute.

 

1958

Im Sommer Rückkehr nach Paris, Wohnung in Meudon in der Nähe von Jean Arp (1886–1966), Louis Ferdinand Céline (1894–1961), sowie den Galeristen Jacqueline und Jacques Ballanche, die meine Arbeiten in ihrer Galerie Philadelphie in Paris vertreten.

 

Die Journalistin Betty Werther, in 1. Ehe mit meinem Freund, dem Arzt und Sammler Dr. Gilbert Azancot (1923–1981) verheiratet, vermittelt die Bekanntschaft mit Henri Bing (1888–1965) von der gleichnamigen Galerie, der mir 1959 einen Exklusivitätsvertrag anbietet mit einem monatlich festen Einkommen. Eine einige Jahre andauernde Periode unbekümmerten Schaffens folgt.

Durch Kauf einer Wohnung in Montparnasse wird Paris zur Bleibe und Zentrum meines Lebens.

 

Die Kritiker Michel Tapié, Jacques Damase und Gérald Gassiot-Talabot würdigen meine Arbeit. Wichtige Freundschaften entstehen, so z.B. mit den Schriftstellern Jim Farell (1935–1979), Jean Pélégri (1920–2003), dem Politologen Ronald Steel, den Journalisten Nicole Clarence und Maurice Werther (1920–1998).

Meine Arbeit wird bewußt auf eine sehr breite Basis gestellt und weiterentwickelt. Zeichnungen, Collagen, Impastos und – neu – Skulpturen entstehen.

Die Begegnung mit Henri Bing, dem Grandseigneur der Pariser Kunstszene, der Dialog mit ihm und das sehr gute Verständnis miteinander und füreinander befruchten und bestätigen meine Arbeit gleichzeitig.

 

1960

Geburt meines zweiten Sohnes Michael am 14. September in Paris.

 

1964

Langsam aber stetig kriselt meine Ehe.

Zank und Zerwürfnisse machen unser Leben unerträglich.

 

1965

am 3. Juni stirbt Henri Bing. Meine geplante Reise in die U.S.A. muß wegen einer bevorstehenden größeren Ausstellung im Kasseler Kunstverein verschoben werden.

 

Ich verlasse Claire und unser gemeinsames Domizil in der Rue Joanès.

Im Hause meines engen Freundes Gilbert Azancot finde ich eine Wohnung.

Die Kinder bleiben bei ihrer Mutter. Die Scheidung wird eingereicht.

Die Trennung spaltet die Familie und die Freunde in zwei Lager.

Gilbert Huguenin von der Galerie Numaga, jetzt in Auvernier, kauft fast alle meine Arbeiten, die mir aus der Zeit meines Exklusivitätsvertrages mit der Galerie Bing verblieben sind.

Paris wird für mich unerträglich. 

 

Ein Leben, wie das bisher geführte, scheint mir in Zukunft in jeder Hinsicht unmöglich. Ich bin 36 Jahre alt. Befinde mich wieder am Punkt null. 

Bei einer Ausstellung der Arbeiten meines Freundes Roger Platiel im Oldenburger Kunstverein treffe ich meine in Hamburg lebende Kindheits- und Jugendliebe, die Historikerin Marlis Fette aus Hannover, wieder. Wir verlieben uns aufs Neue und wollen eine gemeinsame Zukunft versuchen. Die nun möglich gewordene Reise in die U.S.A. vollzieht den Bruch mit Paris und allem Bisherigen völlig.

 

1966

Marlis entschließt sich, mit mir zu reisen und als Gastdozentin an der Brown University in Providence, Rhode Island, eine Lehrverpflichtung zu übernehmen.

Damit beginnt die Gemeinsamkeit unseres Lebens. Am 10. April Ankunft in den U.S.A.Meine Arbeit erneut in Frage zu stellen erscheint mir zwingend notwendig. Die Angst vor dem Manierismus, der Selbstgefälligkeit befällt mich, und ich beginne, meine Arbeit auf persönliche Validität zu überprüfen. Auch hier vollzieht sich der Bruch. Das bisher Entwickelte bleibt zurück, die Suche nach Erneuerung beginnt. 

 

Sie wird acht Jahre dauern. Patsy Cumming und Robert S. Neuman, aber auch Marlis, überzeugen mich von meiner Fähigkeit, lehren zu können. So kommt es zu meinen Lehrtätigkeiten, der Vermittlung gestalterischer Grundlagen, zuerst (1966) an der Summer School des Massachusetts College of Fine Arts in Boston, dann (1966–1967) an der Brown University in Providence, Rhode Island, schließlich (1967–1968) an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts.

Die Lehrtätigkeit erweist sich als überaus positiver Schaffensbeitrag. Sie ermöglicht mir, meine eigene Arbeit unter den Bedingungen elementarer Gestaltungsprinzipien zu analysieren und zu evaluieren und führt zu einem gewissen Grad an Unbefangenheit und Freiheit im Gestaltungsprozeß. 

 

1966–68

Wieder sind Zeichnung und Collage das Medium.

Großformatige Zeichnungen, teilweise collagiert, entstehen.

Collagen werden beidseitig bearbeitet, die Flächen aufgeschlitzt, die Teilflächen in den Raum gezogen. Dieser Vorgang wird wiederholt, so daß Objekte entstehen, an denen fünf Flächen bearbeitet sind und in räumlichem Bezug zueinander stehen.

 

Diese dreidimensionalen Objekt-Collagen werden mit Plexiglaskästen versehen und erhalten damit einen begrenzten, ihnen spezifischen Raum, der sie vom Betrachter trennt und ihnen eine intime räumliche Dimension verleiht.

Ein Zyklus erotischer Collagen entsteht. Die Arbeiten entsprechen meiner Faszination für den weiblichen Körper. Erotische Symbolik läßt sich sowohl als lineare Kategorie als auch als die des Volumens auf den weiblichen und männlichen Körper zurückführen. Diese Symbole haben Allgemeingültigkeit und werden auch nicht mißinterpretiert. Ihr Wert als Kommunikationsmittel ist gesichert.

 

An transparentem Material fasziniert mich sein kristalliner Charakter.

Ich beginne, Plexiglasteile (Reste der Verarbeitung in einem Betrieb) zusammenzufügen. Daraus resultieren Strukturen mit architektonischem Charakter, an denen das Spiel von reflektiertem Licht und Transparenz faszinierend ist. Wird Plexiglas in klares Paraffinöl getaucht, wird seine Lichtreflexion aufgehoben. Die Illusion einer kristallinen Struktur, die auf bzw. über einer Oberfläche schwebt, entsteht. Plexiglasstehlen erlauben mir, das Verhalten von nicht mischbaren Flüssigkeiten in Bewegung zu beobachten, wie den morphologischen Prozeß von Wasser, das über eine gegebene Distanz durch Öl fällt. Galerien in Boston, Providence und San Francisco stellen die Arbeiten mit Erfolg aus. U. a. sammeln Henry und Alice Corning, die ich bereits in Paris kennengelernte, meine Arbeiten und unterstützen uns tatkräftig. Sie sind uns enge Freunde geworden. Bei gemeinsamen Ferien auf der U.S. Jungferninsel St. Thomas ermöglichen sie uns im Sommer 1967 das Erlebnis ungezügelter tropischer Natur.

 

1968

Visumsgrunde zwingen uns zum Verlassen der U.S.A.; wir kehren nach Hamburg zurück. Aus unseren Begegnungen mit Kollegen und Kunsthistorikern in den U.S.A. entwickeln sich dauerhafte Freundschaften, wie z.B. mit dem Maler und Buchkünstler Walter Feldman (geb. 1925) und seiner Frau Barbara, dem Architekten und Kunsthistorikern Hans Buchwald (geb. 1933) und seiner Frau Grazia, oder dem Kunsthistoriker Carl Goldstein (geb. 1938) und seiner damaligen Frau, Signe Waller.

 

1969

Wir heiraten.

Ich setze meine Arbeit an Collagen und Plexiglas-Skulpturen fort. Neue Freundschaften entstehen, alte werden erneuert, wie z.B. die mit dem Maler und Graveur André Evrard (geb. 1936) und seiner Frau Maryse in Neuchâtel, den Sammlern André und Monique Chautems aus Auvernier und den Bonner Juristen Hans und Dagmar Dahs oder dem Historiker und Antesemitisus-Forscher Werner Jochmann (1921-1994) in Hamburg. Der Hamburger Bildhauer Ulrich Beier (1928-1981) und seine Frau, die Photographin Anne Lise Beier (geb. 1926), werden für mich zu wichtigen Partnern im Dialog übte Leben und Kunst. 

 

1970

Ausstellungen in Hamburg und Kiel begleiten meine Arbeit.

Die Rückkehrmöglichkeit an die Harvard University wird nicht wahrgenommen, statt dessen mit Wintersemester 1970/71 eine Professur an der neuen Fachhochschule Schwäbisch Gmünd angenommen mit der Aufgabe, die Disziplin „Gestalterische Grundlagen" aufzubauen.

 

Übersiedlung nach Schwäbisch Gmünd. Fortsetzung meiner Arbeit an Zeichnungen, erotischen Collagen und Plexiglas-Skulpturen.

Immer deutlicher bestätigt sich nun die Richtigkeit der Überprüfung der vorangegangenen Entwicklung und von dessen Formrepertoire während der letzten Jahre. Immer zwingender wird das Wiederanknüpfen und Fortsetzen des bereits Existenten.

 

1974

Das Impasto kehrt zurück. In den folgenden Jahren werden Objekte, die an menschliche Spuren erinnern sollen, den Impastos beigefügt, in die Masse integriert. Der Reliefcharakter tritt dadurch verstärkt auf und läßt an von Krusten bedeckte Figuren denken. Eine Weiterentwicklung führt schließlich zu freistehenden Skulpturen.

 

In einer Reihe von Impastos werden kleine quadratische Hölzer als Grundstruktur rasterförmig angeordnet, die im Endzustand als solche nicht mehr erkennbar sind, der Bildfläche aber eine rhythmische Gliederung verleihen.

Die Collagen nehmen dadurch neue Formen an, daß das verwendete Material immer wieder zerstört und – neu zusammengefügt – zu größeren Teilen auf der Fläche geordnet wird. Dann, horizontal gelagert, werden sie von flüssiger Farbe überschwemmt, wobei die Höhen als solche erkennbar bleiben, die Tiefen, von Farbe bedeckt, den Eindruck elementaren Geschehens vermitteln. Spuren von Überschwemmung oder Verwehung. Lehrtätigkeit an der University of North Carolina, Greensboro, North Carolina, U.S.A. (Juni und Juli 1974)

 

1977

Erwerb des alten Pfarrhauses in Spraitbach als neues Domizil und Lebensmittelpunkt.

 

1983

Bei einer Reise in den Westen und Südwesten der U.S.A. hinterlassen bisher unbekannte Naturerlebnisse – z.B. in der Wüste von Nevada, bei den Felsformationen in Zion's National Park oder den Ruinen in Canon de Chelly – nachhaltige Eindrücke. Geburt von Claude's Sohn Raphael am 16. November.

 

1985

Mein Sohn Michael nimmt sich am 13. April das Leben.

 

1987

Operation an der Wirbelsäule. Die Arbeit an den Impastos wird zunehmend schwieriger und muß in den folgenden Jahren völlig aufgegeben werden.

 

1991

Pensionierung, Ende der Lehrtätigkeit. Die Arbeit an Zeichnungen und Collagen wird intensiviert. Das Material wird sukzessive zu immer kleineren Elementen zerschnitten, so daß es seine Identität völlig verliert und nur noch als farbiges, lineares Material erscheint. Dies wird zu Flächen gefügt, die wieder zerteilt und neu zusammengefügt werden, solange, bis ich jene formale Konstellation erkennen kann, die mir als Einheit akzeptabel erscheint. Die verborgene Botschaft, die schließlich zum Thema „Schrein" führt, gewinnt zunehmend an Bedeutung.

 

1992

Nebenwohnsitz in Venedig. Eine Ausstellung meiner Arbeiten im Museum Rómulo Raggio in Buenos Aires ermöglicht uns eine Reise nach Argentinien. Die Begegnung mit der Wüste und den Vor-Anden in den Nordprovinzen hinterlassen tiefe Eindrücke.

 

1999

Freitod meines Sohnes Claude am 10. Mai.

 

1999/2000

Umzug nach Venedig und Fortsetzung meiner Arbeit an Collagen und Objekten.

An bleibenden Freundschaften aus der Zeit in Schwäbisch Gmünd bzw. Spraitbach sind vor allem die mit dem Gründungsrektor der Fachhochschule, dem Designer Karl Dittert (geb. 1915) und seiner Frau Hilde zu nennen, dem Neurologen und Psychiater Peter Baukus und seiner Frau Annelore, dem Chefkoch Vincent Klink, der Galeristin Edith Wahlandt und ihrem Mann Ruedi Mettler, dem ev. Pfarrer Wolfgang Heinz, aber auch die mit den englischen Violonisten Simon Standage und Micaela Comberti (1953–2003) und die auf Begegnungen in Argentinien zurückzuführenden mit Gerd Hoffmann-Becking und seiner Frau Hebe Silveira sowie Monika und Ekkehard Wagner. Nicht unerwähnt bleiben darf unsere lange Freundschaft mit Marlis' Studienkollegen Wolfgang Elben, Hansgeorg Engelke, Werner Johe, Reinhard Kuhn (1930–1999), Eberhard Kupitsch und ihren Frauen, auch nicht die mit mittlerweile ehemaligen Studenten, Detlef und Ulrike Rahe sowie Nicola Meloni, alle drei jetzt namhafte Professoren, oder dem Lichtgestalter Thomas Hubert. Last but not least sei der Kunsthistoriker Peter Zawrel genannt, dessen Anerkennung und Förderung meiner Arbeit ich viel verdanke.

 

2005

Dieser Bericht umfaßt mehr als fünfzig Jahre Arbeit. Sie hat mein Leben gefüllt.

Das Ende ist abzusehen, und ich kann mit Zuversicht sagen: es ist geschehen!

Ich habe in diesem Bericht das gemeinsame Leben mit meiner Frau Marlis nicht berücksichtigt. Ich möchte ihr aber hiermit meinen tiefen Dank für ihre Liebe und Partnerschaft ausdrücken.

Ohne sie wäre für mich ein Neuanfang 1966 nicht möglich gewesen.

Ihr verdanke ich alles.

 

(Franz Beer, 2005)

Beer 1957 mit

Rossello, Sottsass, Crippa

Fontana und Cascella

1957 Beer mit Giselle Real, 

Ausstellung Bacci-Beer

1964 Ausstellung Saura, 

Paris Galerie Stadler, 

Foto Augustin Dumage

Beer 1953 in Wien,

54 Foto H.B. Pflaum-Gebhardt

Beer 1957 mit  Milani &  Fontana in der Ausstellung "Beer",

Galleria del Naviglio, Mailand

1970 Galerie Klosterstern Hamburg Vernissage "Franz Beer", 

Foto Marianne Vogel

1970 Galerie Klosterstern Hamburg Vernissage "Franz Beer", 

Foto Marianne Vogel

1970 Galerie Klosterstern Hamburg Vernissage "Franz Beer", 

Foto Marianne Vogel

1970 in Schwäbisch Gmünd, 

Ruine Hohenrechberg

Beer mit Uli Baier, 

Foto von Anneliese Baier

1970 in Schwäbisch Gmünd, 

Ruine Hohenrechberg

Beer mit Uli Baier, 

Foto von Anneliese Baier

Spraitbach 1984

Das alte Pfarrhause 

in Spraitbach

Beer 2001 in

Venedig

Beer 2003 in

Venedig

Franz Beer mit Marlis, 

2002 in Venedig,

Foto von Renate Schöllhorn

 

Biografische 
Notizen. 
Eine Ergänzung.

2005

Zum 75. Geburtstag von Franz Beer (FB) finden zwei bedeutende Ausstellungen statt. Die Eröffnung der „Metamorphosen“ im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd wird zu einem Fest mit ehemaligen Schülern und Schülerinnen. Erstmals sind die Objekte aus Plexiglas mit Wasser und Öl in einem Museum zu sehen. Die Ausstellung „Suche nach Form“ im Niederösterreichischen Landesmuseum in St. Pölten ist verbunden mit der Präsentation der umfangreichen gleichnamigen Monographie, deren Herausgeber Wolfgang Krug es gelungen ist, Franz Beer (FB) zum Verfassen der „Biographischen Notizen“ zu bewegen, ein bis dahin nie gewagtes Unterfangen. 

 

Eine Folge der Ausstellung in St. Pölten ist die Wiederentdeckung seiner Wiener und Burgenländischen Heimatregion, „ein neues Eintauchen in das Land seiner Herkunft“ (MSB). 

 

Eine Gästewohnung in Venedig erleichtert dem internationalen Freundeskreis den Besuch. Gleichzeitig entsteht in Venedig ein neuer und neuartiger Freundeskreis, der den Kontakten von Marlis Schleissner-Beer (MSB) zur evengelisch-lutherischen Gemeinde Venedigs und zum deutschen Studienzentrum zu verdanken ist. Historiker wie Michael Matheus und Uwe Israel, Germanisten wie Stephan Oswald, Renate Thiermann und Susanne Böhme-Kuby, Theologen wie Ingo Lembke und Frithjof Roch, der Soziologe (und Spezialist für Murano-Glas) Giovanni Sarpellon und die Juristen Laura Pcchio Forlati und Zeno Forlati wurden zunehmend wichtige Gesprächspartner. 

 

In seinem, unterhalb der Wohnung im Palazzo Molin an den Zattere gelegenen Atelier, in dem nur ein kleiner Raum über das für ihn erforderliche Tageslicht verfügt, widmet FB sich mit großer Intensität seinem Spätwerk, das vom Licht und den Farben Venedigs geprägt ist.  Den räumlichen Gegebenheiten folgend beschränkt er sich dabei auf mittlere Formate. 

 

2007 bis 2009  

können einige Reisen unternommen werden: mit den amerikanischen Freunden Patricia Cumming und ihrem Mann Lee Rudolph auf den Spuren der Etrusker, mit Ekkehard und Monika Wagner nach Sizilien und durch die oberitalienischen Städte. Seinen 80. Geburtstag feiern Franz und Marlis in Berlin. Zu einem tiefen Erlebnis wird die Reise zum Benediktinerkloster Abbazia di Chiaravalle südlich von Mailand, wo FB 1953 auf seiner Fußreise durch Italien halbverhungert und erkrankt Aufnahme und Heilung fand. 


2010 

gelingt es FB, seine 2001 erstmals operierte Krebserkrankung endgültig zu überwinden, aber die Lebensqualität bleibt eingeschränkt und regelmäßige Aufenthalte in der Klinik in Hannover sind weiterhin erforderlich, was zu einer Intensivierung der Beziehungen zur Familie seiner Frau führt. 

 

2012

Eine Archivreise von MSB führt die beiden abermals nach Berlin, die Rückkehr seines Enkels Raphael aus Kabul und die Geburt seines Urenkels Thomas zu seinem 85. Geburtstag 2014 nach Paris, das ab nun wieder öfter angesteuert wird.  

 

2017 

führen die langjährigen Bemühungen von MSB, die Nachkommen seines Vaters Attila von Moldovanyi in Chile zu finden, zu einem unverhofften Ergebnis. Aus Houston/Texas meldet sich seine um 25 Jahre jüngere Schwester Eva Moldovanyi und bereits wenige Wochen später, im Mai 2017, kommt es zur erstmaligen Begegnung der Geschwister in Venedig, die nun bis zu seinem Tod in einem engen Kontakt bleiben. 

 

2018

Anlässlich der gemeinsamen Reise von Franz und Marlis mit Eva nach Budapest auf den Spuren der Familien Moldovanyi findet im September in Wien ein großes Familienfest statt. Die Geschwister finden das Grab ihrer Großmutter Charlotte Moldovanyi, geborene von Menßhengen, am Döblinger Friedhof. 

 

2019  

wird der 90. Geburtstag von FB mit einer retrospektiven Ausstellung im Palazzo Albrizzi und einem Galadinner mit Familienmitgliedern und zahlreichen Freunden aus sieben Ländern gefeiert, ein Fest, das sein Leben widerspiegelt. 

Seiner nachlassenden Sehkraft Widerstand leistend, widmet sich FB in seinen letzten Lebensjahren mit großer Intensität kleinformatigen, von ihm „Piktogramme“ genannten Blättern, an denen er täglich unermüdlich arbeitet. Sie verdeutlichen einen Weg zu einer inneren Sicht der Dinge, die nicht mehr von äußeren Einflüssen abhängig ist. 

 

Franz Beer verstirbt am 26. September 2022 in Hannover an den Folgen eines Sturzes in Venedig und wird, seinem Wunsch gemäß, im Familiengrab seiner Ehefrau Marlis, geborene Fette, am Stadtfriedhof Seelhorst beigesetzt. 

 

Seit 2005 war das Werk von Franz Beer jährlich in Ausstellungen und Kunstmessen vertreten, betreut von Elisabeth Michitsch (bis 2010), Manfred Lang (bis 2018) und Andrea Jünger (seit 2018), in Venedig von der Galleria Totem-Il Canale. Um die Erhaltung und Verbreitung seines Werkes kümmert sich seit 2023 die Beer Verwaltungsgesellschaft mit Sitz in Hannover und Wien, die in Kooperation mit der Galerie Jünger in Wien das Studio Beer betreibt, wo auch der Nachlass des Künstlers und ein umfangreiches Archiv untergebracht ist. 

 

(Peter Zwarel & Marlis Schleissner-Beer, 2026)

Franz Beer mit Marlis, 

2009 in auf der Mole in Tries

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