
Franz Beer.
Kunst und Leben.
1929-2022
Der in Österreich geborene Künstler und Weltbürger Franz Beer (1929 bis 2022) zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Informel. Dessen Namensgeber, der Kunstkritiker Michel Tapié, 1966 in einem Text zur Ausstellung des Künstlers im Kunstverein Kassel: „Beim Betrachten der Bilder Franz Beers werden wir unmittelbar zwingend in jenen Zustand versetzt, auf dem jede künstlerische Kommunikation im Wesentlichen beruht: in den Zustand der Kontemplation“.
Im Jahr davor war Henry Bing gestorben, einer der bedeutendsten Pariser Galeristen. Beer stand bei ihm seit 1958 unter Vertrag, was ihm einen außerordentlichen Status verlieh. Nach Paris - damals das Epizentrum der Kunstwelt - war er 1952 erstmals gereist, nachdem er Wien schon ein Jahr davor nach Deutschland verlassen hatte. In der gerade erst eröffneten „Librairie Mistral“ von George Whitman (später „Shakespeare & Company“) tauchte er vollkommen mittellos in die Welt der Beat Generation ein. Rastlose Wanderjahre in Italien brachten ihm die ersten erfolgreichen Ausstellungen in bedeutenden Galerien. An eine Rückkehr nach Österreich dachte er nie.
Von 1966 bis 1968 unterrichtete Beer - der sein Diplom an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien schon 1950 erworben hatte - in Boston, Providence und Cambridge, wo er Objekte aus Plexiglas schuf, die, bis auf wenige Ausnahmen, in amerikanischen Sammlungen blieben. Von 1979 bis 1991 hatte er eine Professur an der neugegründeten Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd inne, seit 1999 lebte er in Venedig. Sein Werk ist in zahlreichen internationalen Sammlungen vertreten.
Franz Beer hat vor allem in tiefgründigen Impastos aus reiner Farbe und in Collagen aus dem Bildermüll der Werbeindustrie eine künstlerische Gegenwelt erschaffen, die uns unwiderstehlich in ihren Bann zu ziehen vermag.


Biografische
Notizen.
ein Auszug.
1946
Als Student Mitarbeit an der antifaschistischen Ausstellung „Niemals vergessen!“, die mich zur Erkenntnis nationalsozialistischer Verbrechen an der Menschheit und der Lüge unserer Väter führt. Ich erkenne die menschliche Fähigkeit zur bestialischen Handlung. Diese Erkenntnis führt endlich zu meiner völligen Ablehnung der Darstellung des Menschen in Zeichnung und Bild.
1957
In meiner Arbeit verlasse ich die gestische Artikulation und vertiefe die Technik der Collage, Gesammeltes und gefundenes Material wird zu kleinen Elementen zerrissen, dicht aneinandergefügt, übereinander gelagert und wieder aneinandergefügt, so daß die Bildfläche reliefartigen Charakter annimmt.
1957
In der Folge besetzen immer mehr die gemischten Pasten die Bildfläche. Sie werden in Schichten aufgetragen und danach mit dem Spachtel eingekratzt. Nicht die Illusion von Relief möchte ich durch Malen vermitteln, sondern der Farbkörper selbst soll das Relief bilden. Licht und Schatten weerden mitbestimmende Elemente und Faktoren der neuen Farbimpastos.
1966
Am 10. April Ankunft in den U.S.A. Meine Arbeit erneut in Frage zu stellen erscheint mir zwingend notwendig. Die Angst vor dem Manierismus, der Selbstgefälligkeit befällt mich, und ich beginne, meine Arbeit auf persönliche Validität zu überprüfen. Das bisher Entwickelte bleibt zurück die Suche nach Erneuerung beginnt. Sie wird acht Jahre dauern.
1974
Das Impasto kehrt zurück. In den folgenden Jahren werden Objekte, die an menschliche Skulpturen erinnern sollen, den Impastos beigefügt, in die Masse integriert. Der Reliefcharakter tritt dadurch verstärkt auf und lässt an von Krusten bedeckte Figuren denken.
1991
Die Arbeit an Zeichnungen und Collagen wird intensiviert. Das Material wird sukzessive zu immer kleineren Elementen zerschnitten, so daß es seine Identität völlig verliert und nur noch als farbiges, lineares Material erscheint. Dies wird zu Flächen gefügt, die wieder zerteilt und neu zusammengefügt werden, solange, bis ich jene formale Konstellation erkennen kann, die mir als Einheit akzeptabel erscheint
1999/2000
Umzug nach Venedig und Fortsetzung meiner Arbeit an Collagen und Objekten.
2005
Dieser Bericht umfasst mehr als fünfzig Jahre Arbeit. Sie hat mein Leben gefüllt. Ich habe in diesem Bericht das gemeinsame Leben mit meiner Frau Marlis nicht berücksichtigt. Ohne sie wäre für mich ein Neuanfang 1966 nicht möglich gewesen. Ihr verdanke ich alles.
Freunde von Beer,
sitzend vor Librairie Mistral
in Paris 1954


Milani und Fontana
bei der Austellung Beer
im Jahre 1957

Beer 1957 mit
Rossello, Sottsass, Crippa
Fontana und Cascella
Lebenslauf.
1929
geboren in Wien
1944-50
Studium an der Akademie für angewandte Kunst und
der Akademie der bildenden Künste Wien
1950
Diplom
1950-66
in Österreich, Deutschland, Italien, der Schweiz, Frankreich
1959-65
Exklusivitätsvertrag mit Galerie Bing, Paris
1966-68
in den U.S.A.
1968-99
in der Bundesrepublik Deutschland (1968-70 in Hamburg; 1970-99 in Schwäbisch Gmünd bzw. Spraitbach, Württemberg)
seit 1999
in Venedig
2023
verstorben in Hannover
1966
Massachusetts College of Fine Arts, Boston, Mass., U.S.A.
Lehrtätigkeiten.
1967-67
Brown University, Providence, Rhode Island, U.S.A.
1967-68
Harvard University. Cambridge, Mass., U.S.A.
1974
University of North Carolina, Greensboro, N.C., U.S.A.
1970-91
(Fach)-Hochschule für Gestaltung, Schwäbisch Gmünd, Baden-Württemberg (HfG)
